India

Episode 2 – und wenn sie nicht ,touched, (ergriffen/getroffen) sind, dann hupen sie noch heute

Meine zweite Reise nach Delhi. Auf dem Weg zum Flughafen lässt mein Taxifahrer kein einziges gutes Haar an Indien. Mir egal, ich freue mich. Und wie. Und bin gespannt. Denn diesmal klappt es mit dem Besuch des Taj Mahal.
Gute 12 Stunden später – drei davon im Auto auf dem Highway – erreiche ich Agra und finde mich wieder inmitten Massen von indischen Touristen. Für Menschen aus dem Rest der Welt ist es immer noch zu heiss im September. Ich hätte natürlich auch nichts gegen kurze Hosen. Aber da diese eine Zeichen für Armut sind – mit wenig Geld kann man sich eben nur kurze Hosen leisten – habe ich mich natürlich angepasst und falle wenigstens dadurch nicht noch mehr auf. Der Guide erklärt mir die Schriftzeichen auf dem Eingangstor zum Taj. Bereits hier bin ich schwer beeindruckt, denn die Zeichen sind nicht etwa auf die Mauer gepinselt sondern dunkle Teile sind in den hellen Marmor eingelassen. Als ich aber ein paar Minuten später an jenem Punkt stehe, von dem ich einen ersten Blick auf das Bauwerk erhasche, stockt mir für einen Moment der Atem. Langsam gehe ich durch die paar Meter Dunkelheit des Torbogens und nähere mich dem Wahrzeichen Indiens. Ich trete aus dem Torbogen und bin geblendet von diesem Bild. Der Taj Mahal zeichnet sich wie ein Bild gegen den blauen Himmel ab. Alles scheint wie gemalt. Von diesem Punkt betrachtet scheint das Bauwerk nur in 2D zu existieren. Ich vergesse für einen Moment alles rund um mich bis ich realisiere, dass mich die Leute anstarren wie ich total ergriffen dastehe und den ganzen Menschenstrom aufhalte. Die Faszination hält während der rund einstündigen Tour an und der anschliessende Besuch des Fort von Agra ist grad irgendwie öd… Wobei natürlich auch die Geschichte rund um dieses Bauwerk hochspannend ist. Nach der Tour will mir der Guide dann unbedingt noch das Handwerk zeigen, welches die Basis für die Verzierungen des Taj Mahal darstellt. Ich versuche den Jungs dann freundlich beizubringen, dass ich im Koffer leider grad wirklich keinen Platz habe für die Esstischplatte aus Marmor… Bevor ich die Rückfahrt antrete, verzehre ich ein Curry (Schärfegrad: für Erwachsene!) und das wohl beste Garlic Naan ever was zur Folge hat, dass ich nach den ersten paar Kilometern beginne, friedlich vor mich hinzudösen…


Am nächsten Tag steht nebst dem letzten Qualitätscheck der Gerichte (bevor sie an Bord serviert werden) beim lokalen Lufthansa Caterer auch die Medienkonferenz mit rund 30 Medien statt. Thema: cook&fly Wettbewerb. Via Social Media hatten sich Hobbyköche mit ihrem Rezept beworben und kochten im grossen Finale vor der Medienkonferenz um die Wette. Aufgrund des Live Charakters startet die Konferenz mit einer guten halben Stunde Verspätung. Das gibt mir wiederum ein paar Minuten mehr Zeit für die Vorbereitung der Moderation. Hatte ich schliesslich erst am selben Morgen von der lokalen Agentur erfahren, dass sie dafür mich vorgesehen hatten…! Es läuft alles einwandfrei bis ich zur Verkündigung der Gewinner komme… Zum Glück unterstützen mich meine Kollegen in Sachen Aussprache von Namen und Siegergerichte. Die Veranstaltung findet ihren Höhepunkt einerseits natürlich mit der Verkündigung des Siegers, aber auch mit dem Zünden einer Konfetti-Bombe (Bollywood lässt grüssen) dank welcher ein Glimmer-Regen auf die Bühne niedergeht. Für jene neben der Bühne (ich inklusive) hätte das Ganze leider ganz schön ins Auge respektive aufs Ohr gehen können. Die Bombe wurde nämlich ohne Vorwarnung gezündet und befand sich nicht mal einen halben Meter von mir entfernt. Für ein paar bange Sekunden höre ich ausser einem Pfeiffen gar nichts mehr… Gelähmt vor Schock warte ich, bis sich mein Gehör wieder normalisiert. Als ich im Debriefing die Agentur auf diese gefährlichen Umstände aufmerksam mache, folgt keine Reaktion. Da mag wohl meine Schweizer Mentalität mit mir durchgegangen sein, aber ich möchte mir nicht vorstellen, was daraus hätte resultieren können. Da hätte ich mir sogar das pausenlose Hupen auf den Strassen Delhis zurückgewünscht!

Episode 1 – Von Hupen und Sirenen 

Indien. Was hatte ich Geschichten gehört. Was hatten mich die Leute gewarnt. Aber auch hier gilt: ich will es selber erleben. Als ich ins Flugzeug steige bin ich dann trotzdem ein bisschen nervös. Um Mitternacht herrscht in Delhi immer noch ziemlicher Betrieb am Flughafen und ich komme mir komisch vor, als ich den Mann mit dem Hotelschild bitte, mir zum Gegencheck doch noch bitte die Namensliste zu zeigen. Einfach um sicherzugehen, dass es wirklich mein Fahrer ist. Sie würden aus Vertraulichkeitsgründen keine Gäste-Namen auf ihre Schilder schreiben, sagt er. Nachvollziehbar. Es ist kurz vor eins als ich im Hotel ankomme. Dort muss ich erst mal durch die Sicherheitsschleusen, um ins Hotel zu gelangen. Statt zur Rezeption begleitet man direkt aufs Zimmer. Dort werden mein Pass und meine Kreditkarte mit einem mobilen Scanner eingelesen und so die Formalitäten quasi mobil erledigt. Ziemlich effizient, denke ich noch.

Um 12 Uhr werde ich zu einer kurzen Stadttour abgeholt und wir fahren durch das Botschaftsquartier. Der Kollege aus dem lokalen Office hatte davon abgeraten, grosse Touren zu unternehmen. (So muss der Taj bis zum nächsten Besuch warten.) Im Juni sei es einfach zu heiss. Ich, mit einem halben Jahr Singapur-Klima-Erfahrung dachte noch, dass mich wettertechnisch ja nichts mehr so rasch aus dem Konzept bringt. Als ich aber beim Regierungsgebäude aus dem Auto steige, bleibt mir für einen Moment der Atem weg. Ich fühle mich, wie wenn man mich mit einem grossen Föhn anbläst. Mit Temperatur super heiss. Die Sonne brennt mir auf den Kopf und in ein paar Minuten bin ich (!) schweissnass. Trotz allem bin ich beeindruckt von der Grosszügigkeit des Quartiers. In der Ferne sehe ich das India Gate, bei dem wir kurze Zeit später erneut aussteigen. Viele Einheimische verbringen hier ihren Sonntag und ebenso viele Leute stehen in der Schlange beim Red Fort. So beschränke ich mich auf einen ersten Eindruck von aussen – wiederum beeindruckt von der Grösse des Bauwerks – und verschiebe auch diesen Besuch aufs nächste Mal. Der Verkehr sei an diesem Sonntag sehr moderat, meint der Kollege. Hm, dann bin ja mal auf den Berufsverkehr von Montag gespannt und staune dennoch über das herrschende Chaos auf der Strasse und dem Markt entlang der Straße.


Montagmorgen und ich werde in der Tat nicht enttäuscht in Sachen Verkehr. Meine Kollegin gibt mir die exakten Angaben vom Wagen ihres Fahrers durch: Nummernschild, Automarke, Autofarbe, Name des Fahrers, Telefonnummer. (Ich erfahre später, dass alle Arbeitskollegen einen Fahrer haben und es ihnen nicht erlaubt sei, selber zu fahren. Bei Unfällen komme es teilweise zu tumultartigen Szenen bei denen es auch mal zu Prügeleien kommen könne. Sei dann ein ‚Westler‘ am Steuer, könne dies arg werden…)
Ich steige ins Auto und los geht die Reise ins lokale Büro. Es sei nur fünf Minuten vom Hotel, hatte man mir tags zuvor gesagt. Die ersten fünf Minuten auf der Autobahn laufen noch ganz flüssig. Irgendwann stehen wir mitten im Getümmel. Nichts geht mehr. Bis der Fahrer – unter regelmässiger Betätigung der Hupe – links ausschert und parallel zur Autobahn weiterfährt, um weiter vorne wiederum auf die Autobahn einzuschwenken. Nun, diese Idee haben auch andere. An diesem neuralgischen Punkt kommen wir zum Quasi-Höhepunkt: Der Boden ist hier statt aus Beton, eine unbefestigten Kies- und Sandfläche – was mich kurzfristig überlegen lässt, ob dies denn überhaupt Teil der offiziellen Strasse ist. Dieser Gedanke verfliegt ganz schnell als ich nämlich feststelle, dass plötzlich Autos, Tuck Tuck und Busse in alle Himmelsrichtungen stehen. Nur die Motorräder schlängeln sich um die Fahrzeuge. Ebenfalls in alle Himmelsrichtungen fahrend. Nach ein paar Minuten geht es ein paar Meter weiter. Das Ganze wiederholt sich noch ein paar Mal. Hup-Konzert inklusive. Nach einer knappen halben Stunde nähern wir uns dem Büro Komplex. Auch hier, Sicherheitscheck, Passagiercheck im Fonds, Kofferraum auf. Der Fahrer kriegt einen Jeton, der ihm die Zufahrt zur Tiefgarage erlaubt. Was für ein riesiges Labyrinth. Ich bin froh, begleitet mich der Fahrer von da nach oben ins Büro. Ich wäre wohl immer noch da unten…
Das Meeting beginnt und ich stelle erstaunt fest, dass hier Männer für die Getränkezubereitung und dessen Service zuständig sind. Aus dem Sitzungszimmer mit Blick auf die Strassen sind von weit die Hupen der vorbeiziehenden Autos zu hören und ich tauche ein in Gespräche über den Markt Indien, die Medienwelt und lokale PR Arbeit.
Zum Lunch geht es mit mir als Gast, logischerweise, ‚zum Inder‘ im Erdgeschoss und das Essen ist so was von superlecker, dass ich ein zweites Mal zum Buffet gehe und ein (war es nun ein zustimmendes?) Kopfwackeln des Personals registriere. Nicht nur zur Mittagszeit sind die Lifte unter Dauerstress und ich erfahre, dass die meisten Mitarbeitenden über Mittag ihr mitgebrachtes Essen im Aufenthaltsraum verspeisen weil gut und gerne eine halbe Stunde draufgehen kann, bis einem der Lift wieder hoch bringt.
Ähnliche Strassen-Szenen erlebe ich am nächsten Tag als ich unsere PR Agentur im selben Business Park besuche. Die Platzverhältnisse sind bescheiden und auf dem selben Stockwerk sind die unterschiedlichsten Firmen angesiedelt. In einem kleinen Glaskasten sitzen acht Personen vor Laptops rund um einen grossen Konferenz-Tisch. In der Ecke ein paar Beispiele mit Verpackungsdesign-Vorschlägen. Dies sei eine Kreativ-Agentur für Grafik-Design. Aha, so geht das (auch). Auf dem ganzen Stockwerk stehen Pflanzen in Töpfen. Und an der Decke hängen Kameras. Das hindert mich (leider) an meinem dringenden Bedürfnis, das Ganze mit ein paar Bildern einzufangen. Aber auch hier muss ich zugeben, DAS alles ist auf einem Bild einfach gar nicht festzuhalten!


Am Abend wird das Town Meeting mit dem Regionalleiter und dem Länderchef nach dem Verzehr von Samosas eröffnet und ich tauche erneut ein in die lokalen Themen und Herausforderungen. Die letzte, wirklich grosse Herausforderung des Tages kommt aber erst: als ich um 21 Uhr am Flughafen eintreffe muss ich bereits beim Betreten des Gebäudes Ticket und Pass vorweisen. Das Einchecken geht erstaunlich schnell und sowohl meine Hand- als auch meine Laptop-Tasche werden mit einem Anhänger der Airline bestückt und mich zu einer wandelnden Plakatsäule werden lässt (zum Glück, wie sich später herausstellt). So gehe ich weiter Richtung Ausreise- und Sicherheitskontrolle und bleibe nach Minuten langem umher irren hilflos stehen. Es stehen hunderte von Menschen vor den Schaltern, aber es ist beim besten Willen nirgends ein Ende der Schlange auszumachen, wo ich mich anstellen könnte!! Ich bleibe stehen, warte, dass sich die Masse bewegt und sich irgendwo wenigstens eine kleine Öffnung zeigt. Nichts. Na dann. Ich stelle mich einfach mal irgendwo hin und warte. Und wie von Geisterhand ist da plötzlich sowas wie eine Ordnung auszumachen. Ich warte. Und warte. Und warte. Nach ein paar Minuten realisiere ich, dass die gut zwei Stunden bis Abflug unter Umständen etwas knapp werden können in Anbetracht der sich nicht bewegenden Kolonne.
Viel anstrengender als die schwere Tasche ist das Geheul rund um mich. Statt der Autohupen im Verkehr scheinen sich die schreienden Kinder – Sirenen Geheul gleich – ihren Weg zur Passkontrolle bahnen zu wollen. Langsam langsam nähere ich mich dem Beamten um anschliessend durch die letzte Sicherheitskontrolle dieses Tages zu gehen. Auf der anderen Seite angekommen spricht mich ein Flughafenmitarbeiter an. Ich sei bestimmt auf dem MH Flug um 23 Uhr. Da das Gate ziemlich weit sei und die Zeit fortgeschritten, würde er mir raten, keine Zeit zu verlieren und mich so rasch wie möglich zum Gate zu begeben. Für einen Moment bin ich sprachlos. Ich reagiere etwas harsch indem ich ihm sage, dass ich das eh im Sinn gehabt hätte da ich ja nun quasi über eine Stunde in dieser unglaublich langen Schlange vertrödelt hätte. Im zweiten Moment besinne ich mich auf meine gute Kinderstube und bedanke mich für den zuvorkommenden Hinweis. Als mir 50 Meter weiter ein zweiter Flughafenmitarbeiter dasselbe sagt, werde ich dann doch etwas unruhig und befürchte, dass der Flug ohne mich geht. Hätte meine Tasche statt dieser Airline-Etikette eine Hupe gehabt, ich hätte sie bestimmt mehrmals auf meinem Spurt zum Gate betätigt!

Delhirium. Wo ist denn hier die Schlange??
Delhirium. Wo ist denn hier die Schlange??

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