Es geschieht im Hinterzimmer

Es war Sommer (wobei, das ist es hier ja immer), als es zum ersten Mal passierte. Immer wieder hatte ich nach dem richtigen Ort gesucht, um es erneut zu wagen. Diesmal sollte es klappen. Ohne Überraschungen wie beim letzten Mal… Heute ist es soweit. Ich wage mich zum zweiten Mal zum Frisör. Schlimmer als beim ersten Mal, als ich beinahe als Schwester von Eders Pumuckl durchgegangen wäre, kann es ja nicht kommen. So checkte ich vor ein paar Tagen bei mir um die Ecke ein, zwei Geschäfte aus und wage den Sprung ins Abenteuer. Der Empfang nett, der Raum voll. Sowohl mit Expats, als auch mit Locals. Ganz nach meinem Gusto also. Das Wasser wird zwar im Pap-Kaffee-Becher serviert, später stelle ich aber fest, dass in der Ecke sogar eine Nespresso-Maschine steht. Merke ich mir für einen allfälligen nächsten Besuch. Entgegen Erfahrungen in anderen Ländern wird nicht lange diskutiert und ein paar Minuten später wird bereits in zackigen Bewegungen die Paste mit der Farbe auf meinem Haupt verteilt. Ich werde ein bisschen unruhig ob dem Schwung und es muss die Vogue herhalten als Schutzschild für meinen ipad. Unglücklicherweise ist es die Koreanische Version. Bevor ich aber richtig zum Blättern komme, übergibt die wasserstoffblondierte Chefin den Pinsel auch schon ihrer freundlich lächelnden Mitarbeiterin, die – ebenso fix – das Werk vollendet. Spontan frage ich, ob die Einwirkzeit für eine Manicure genutzt werden kann. Sie kann. Das nenne ich effizientes Singapur!

Ich muss dann aber doch noch ein bisschen länger ruhig sitzen bleiben. Die Gefahr von Farbanschlägen ist in der Zwischenzeit gebannt und so wagt sich auch mein ipad wieder aus dem schützenden Vogue-Graben. Der e-Lesestoff kann mich aber nur bedingt fesseln; so ein Coiffeur-Salon – vor allem deren Besucher und Betreiber – sind einfach eine zu spannende Sozialstudie. Irgendwann fällt mir auf, dass ich bis dato dieses allgegenwärtige Rauschen des Wassers noch gar nicht wahrgenommen habe, welches in Frisörsalons – nebst dem Surren des Haarföhns – normalerweise allgegenwärtig ist. Für einen Moment muss ich an jenen Moment denken, als ich in Guatemala mit schamponiertem Haar unter der Dusche stand und das Wasser kurzerhand versiegte. Damals hatten mir meine beiden Gspänli freundlicherweise Wasser in Pet-Flaschen besorgt. Was wäre heute, wenn….??

Die Antwort auf meine bange Frage folgt beinahe im selben Atemzug. Dann nämlich, als mich das freundlich lächelnde Fröilein bittet, mitzukommen. Ins Hinterzimmer. Hier, auf engstem Raum – ich muss beinahe wie an Bord über die Beine von Kundin auf 15 K klettern – stehen zwei Liegen. Ich werde gebeten, mich auf den Rücken zu legen und was dann folgt, ist grosses Kino. Mein Hinterkopf ruht entspannt auf einer Erhebung aus weichem Gummi etwa in der Grösse einer Kaffee-Untertasse, die ins Waschbecken eingelassen ist. So ist einerseits der Vorgang des Haare waschen total angenehm und nicht vergleichbar mit der Position in jenen Genickbrecher-Becken, bei denen ich bereits nach den ersten zwei Wasserstrahlen Kopfschmerzen kriege. Vor allem aber – und nur schon deswegen werde ich wieder dort hin gehen – ist die anschliessende Kopf- und Nackenmassage eine absolute Wohltat. Eine solche Begabung und ein derart toller Service hätten eigentlich einen besseren Ort verdient als das Hinterzimmer!

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